Zimmerreise mit H

Zum 8. Mal mache ich eine Zimmerreise durch meine Wohnung. Diesmal suche ich nach einem Gegenstand mit dem Anfangsbuchstaben H. Haushaltsmaschine ist öde und Haushaltgeld alle. Hans im Glück ist weitergezogen. Schoggi-Hasen sind gegessen. Der Hosenbund zu eng. Meine Haare stehen zu Berge beim Blick auf die Hightech-Waage.

Halskette

Schliesslich stosse ich auf eine Schale mit einem Wirrwarr von Ketten aus bunten Glas-, Perlmutt- oder Holzperlen. Ich habe gar nicht mehr gewusst, dass ich diese Halsketten noch habe. Getragen habe ich sie selten. Die letzten Jahre setzten sie nur Staub an.

Zwischen den bunten Glasperlen schimmern zarte Perlmutttöne in rosa, hellblau und weiss. Meine Lieblingskette! Sie hat mich durch viele Sommer begleitet, eine simple Bluse herausgeputzt oder einem luftigen Sommerkleid den letzten Schliff gegeben. Die zarten Farben der Mini-Schneckenhäuschen, die spiralartig, dicht an dicht auf einem Baumwollfaden aufgezogen sind, sahen auf gebräunter Haut edel aus. Und – ach Herrje, sie ist kaputt! Nach vielen Sommern ist der Baumwollfaden gerissen. Die Kette ist alt, sie stammt aus den Sechzger Jahren. Ursprünglich hatte sie Queen Mum gehört, die sie von einer Italienreise mitgebracht hatte.

Als Kind nahm ich sie manchmal aus der Schmuckdose und bewunderte das irisierende Farbenspiel auf den winzigen Schneckenhäusern. Ich fand sie schön und doch war sie mir nicht geheuer. Es konnte doch sein, dass darin noch Schnecken wohnten. Wenn ich die Kette um meinen Hals legte, kamen sie herausgekrochen und schleimten ihren Weg über meinen Nacken in mein Haar und nisteten sich dort ein. Schnell legte ich die Halskette wieder in die Schmuckdose zurück.

Später hätte ich fürs Leben gerne eine Perlenkette gehabt. Bei meinem schmalen Gehalt lag das nicht drin. So schenkte mir Queen Mum die Schneckenhaus-Kette. Sie schimmerte und glänzte fast wie Perlen und vermittelte mir die Illusion, etwas Kostbares zu tragen.

Traum vom Sommer am Meer

Lasse ich die zarten Schneckenhäuschen durch meine Finger gleiten, tauche ich ab in das blaue Meer, aus dem sie stammen. Ich schwimme mit den Fischen, lasse mich wiegen von den Wellen, die mich schliesslich an einen weissen Sandstrand tragen. Schmecke das Salz auf meinen Lippen und spüre die Sonne auf meiner Haut.

Bald, bald ist Sommer! Vielleicht können wir dann wieder ans Meer reisen.

Marie Kondo auf Zimmerreise

Zimmerreisen entwickeln bei mir eine ähnliche Wirkung, wie die Aufräum-Aktionen mit Marie Kondo. Bei den Streifzügen durch meine vier Wände entdecke ich Dinge, die schon Ewigkeiten unbeachtet rumstehen. Das ist die Gelegenheit auszumisten und mich von Ausgedientem zu trennen. Die Schneckenhäuschen-Kette werde ich flicken und behalten, aber der übrige Tand wandert in den Karton „Bring- und Holtag“. Vielleicht findet ein Mädchen Gefallen daran.


Ich nehme am Projekt Zimmerreisen, initiiert von puzzleblume teil.

Die Idee ist einfach und bestechend:
Ich bewege mich in meiner gewohnten Umgebung und nehme sie mit geschärftem Blick wahr, genau so wie wenn ich auf Reisen wäre und Unbekanntes entdecke.

Altbekannte Gegenstände fangen plötzlich an, eine Geschichte zu erzählen. Ich muss nur genau hinhören.


Fotos von Emma Engel

9 Gedanken zu “Zimmerreise – Halskette

  1. Diese zauberhaften Schneckenhäuschenketten habe ich als Kind immer bewundert. Ihn haftet über die vielen Jahrzehnte höchstens etwas sympathische Nostalgie an, aber keine gesellschaftlich beurteilenden Zuordnungen, wie sie leider den Perlenketten bzw. ihren Trägerinnen immer wieder angehängt werden. Ein schöner kleiner Schatz.

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    • Herzlichen Dank! Ich werde den Schatz hüten und diesen Sommer wieder tragen, auch wenn ich in der Zwischenzeit in den Besitz einer Perlenkette gekommen bin. Wie du es so schön beschrieben hast: Schneckenhäuschen-Ketten sind zauberhaft, erinnern an Sonne und Ferien. 😀

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  2. Was man so alles finden kann, wenn man auf Zimmerreise geht. Vor allem ist ja interessant, was dadurch auch für vielleicht schon fast verschüttete Erinnerungen wieder ans Tageslicht gefördert werden. Bei mir liegt auch eine beachtliche Sammlung solcher Schmuckstücke, die mir immer mal wieder in die Hände fallen, aber trennen konnte ich mich bisher dann doch nicht von ihnen, obwohl ich sie wahrscheinlich nie wieder tragen werde.
    Einen lieben Gruß von der sonnigen, aber immer noch kalten Ostseeküste schickt Dir, liebe Emma, die Silberdistel

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    • Hallo Silberdistel
      Manchmal ist die Zeit noch nicht reif, um sich zu trennen. Von manchen Dingen mag man sich nicht trennen. Als ich das Sammelsurium Modeschmuck vor mir sah, war sofort klar, was bleibt und was geht. Hat auch etwas Befreiendes. 😊
      Herzliche Grüsse von der sonnigen, aber auch noch recht frischen Nordschweiz.
      Emma

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  3. Hm. H. H wie Habicht hieß ein Buch, vor kurzem gelesen. Da – Hundehalsband. Davon liegen mehr im Korb als Menschenfrauenhalsketten. Jede Ausführung. Na, fast. Oder -. ich muß doch noch mal nachzählen, so wenige sind die anderen auch nicht.
    Aber keine aus Schneckenhäuschen. Dafür stehen ein paar solche, gefundene in der Diele, im Treppenhaus auf dem Schuhregal und versuchen, die Stagnation der Endlichkeit zu symbolisieren. Oder so.
    – weil Schnecken hervorkriechen könnten? Eher nicht. So gesehen müßten Perlenketten eklig wirken, diese Methode der Muscheln, Eingedrungendes in ihrem Inneren zu umschließen und zu isolieren. Aber wir Menschen sind ja eh komisch, was wir schön und kostbar finden!
    Doch die Schnecke erinnert mich an meine jüngere Tochter, die einst eine niedliche, schwarze Gehäuseschnecke auf ihrem Arm kriechen ließ und sie ausgerechnet der (Wahl-) Tante zeigte, die eine phobische Rektion auf alles, was da kreucht, zu zeigen beliebt. Das Unverständnis des Kindes war groß.

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      • Die Sonne scheint – noch, vor dem nächsten Gewitter. Also ja, schöner Tag (und der Dackel will raus)! – und einen solchen wünsche ich natürlich auch.
        Gedanken, ach, manchmal… denkt dieses Ding von selber (und hört bei Knöpfen und Ketten und Käse nicht auf), verbindet die seltsamsten Dinge… (und dann wieder tut es nicht , was es soll, dieses empfindungslose Organ, in dem alle Empfindungen entstehen!).

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