Zimmerreise mit D

Eine Zimmerreise über einen Gegenstand schreiben, der mit D anfängt.
DAS KANN DOCH NICHT SO SCHWER SEIN!!!
Ist es. Gegenstände mit dem Anfangsbuchstaben D sind publizitätsscheue Zeitgenossen, um nicht zu sagen lichtscheues Gesindel. Die lassen sich partout nicht in eine Geschichte verwickelt. Nur mit einem Trick konnte ich sie festnageln. Habe behauptet, ich erstelle eine Mindmap über mein Wohnzimmer. So habe ich Diwan, Decke, Duft, Dattel, Dose, Dämon, defekte Deckenlampe, Dübel, Domino, Druckknopf und Dunkelheit auf Papier gebannt. Damit ist es mir endlich gelungen, eine Geschichte zu schreiben. Doch schaut genau hin, einige D-Gegenstände sind mir entwischt.

Dämonisches Domino

Jenny trippelt vorsichtig von der Küche Richtung Wohnzimmer. Sie umrundet so weiträumig wie möglich die Dominosteine, die sich den Flur entlang schlängeln. Dann steigt sie in Zeitlupentempo über die komplizierte Aufstellung aus Dominosteinen, die fast das ganze Wohnzimmer belegt. Ja keinen berühren. Udo trainiert für den nächsten Domino-Rekord. Er hat Tage damit zugebracht, die Steine aufzubauen. Er würde sie umbringen, wenn sie einen Dominostein berühren und damit die Kettenreaktion auslösen würde. Schliesslich erreicht sie, ohne Schaden anzurichten den Diwan – die einzige Domino-freie Zone – und lässt sich darauf plumpsen.

Gemütlich fläzt sie sich hin, vertieft sich in ihren Fantasy-Roman und knabbert genüsslich an einer Dattel. Mit klebrigen Fingern blättert sie die Seiten um. Ach je, jetzt hat sie einen klebrigen Fleck auf die Stelle gemacht, wo der Feuer-Dämon Ulk das Opfer mit einem Blitz pulverisiert. Ein Hauch streift Jennys Nacken. Sie fröstelt und schaut auf. Das Buch ist so mitreissend, dass sie darin eingetaucht und als Dämonenjägerin Lucy die dunklen Mächte bekämpft hat. Dunkle Schatten kriechen auf sie zu – gruselig. Jenny schüttelt den Kopf. Sie hat die Zeit vergessen. Es ist Abend und dunkel geworden. Sie knipst die Lampe an. Der warme Schein des Lichts vertreibt die Dunkelheit. Sie verkriecht sich tiefer in die Decke auf dem Diwan und liest weiter. Die Handlung strebt dem Höhepunkt zu. Dämon Ulk hat die Dämonenjägerin Lucy in einen Hinterhalt gelockt und gefangen genommen. Unsanft schleppt er die Jägerin in die Unterwelt und legt sie unterwürfig seinem Herrscher, Dämon Odu, zu Füssen.

Oberster Dämon Odu glüht schon lange vor Rachedurst. Endlich! Endlich kann er den von langer Hand ausgeheckten teuflischen Plan für die Vernichtung seiner grössten Widersacherin in die Tat umsetzen. Oberster Dämon Odu schleift Lucy an den Haaren in ein riesiges Gewölbe und fesselt sie an einen Pfahl. Zu ihren Füssen erstreckt sich die Todesmaschinerie, die er entworfen hat. Jede freie Minute hat Oberster Dämon Odu in diesem Gewölbe verbracht. Er hatte sich keinen Feierabend-Sprit mit den anderen Unterwelt-Kreaturen in der „Höllenbar zur satanischen Braut“ gegönnt. Nein, Oberster Dämon Odu hat mit seinen eigenen Klauen jedes kleinste Detail der Todesmaschine selbst gebaut. Und das war beileibe nicht einfach. Bedenkt man die Filigranheit des Bauplans, die Kleinheit der Bauteile und seine grossen, klobigen Klauen. Irgendwann hatte Oberster Dämon Odu aufgehört zu zählen, wie viele Male er von vorne beginnen musste. Aber nun ist sein Triumph gewiss. Die Todesmaschine ist fertig und die Dämonenjägerin Lucy in seiner Gewalt. Stolz zeigt Odu seiner Todfeindin sein Höllenwerk und beschreibt ihr detailliert jede Schikane.

Jenny hat alles um sich herum vergessen, gebannt verschlingt sie die Zeilen. Sie fühlt förmlich Lucys Pein und Agonie. Oberster Dämon Odu redet sich immer wie mehr in Rage und brüllt schliesslich Lucy an: „Wenn der letzte Dominostein gefallen ist, wirst du brennen!“

Ein leises Pling, die Deckenlampe erlischt. Jenny sitzt erstarrt im zappendusteren Wohnzimmer. Ein heisser Hauch streift über ihr Gesicht. Etwas schleift über den Boden. Angestrengt lauscht sie in die Dunkelheit. Da, ein kaum vernehmliches Klacken! Gefolgt von einem zweiten, dritten, vierten, immer schneller werdenden Klacken, das sich zu einem hundertfachen Crescendo steigert, das wie eine Flutwelle auf sie zurast. Jenny schreit – schreit wie sie noch nie in ihrem Leben geschrien hat.

Udo kniet vor dem Diwan, eine Taschenlampe in der Hand. Beruhigend redet er auf Jenny ein und versucht ihr die Decke vom Kopf zu ziehen: „Jenny, was hast du? Wieso bist du in Panik? Wir haben einen Stromausfall. Als ich nach Hause kam, bin ich im Dunkeln an einen Domino-Stein gestossen. Ärgerlich, aber nicht sooo schlimm. Jenny …“


Ich beteilige mich am Projekt Zimmerreisen ins Leben gerufen von puzzleblume.
Die Idee ist einfach und bestechend: Ich bewege mich in meiner gewohnten Umgebung und betrachte sie mit geschärftem Blick, so dass ich altbekannte Gegenstände neu entdecke.


Foto von Emma Engel

11 Gedanken zu “Zimmerreise – Dämonisches Domino

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