Zimmerreise mit E

Von Anfang an war klar: Die Zimmerreise mit E kann sich nur um meine Elefanten-Sammlung drehen.

Ich stehe im Badezimmer vor dem Spiegel und erzähle ihm meinen Plan über den Elefanten-Blog. „Wie? Ihr findet das eigenartig? Gar nicht eigenartig. Schneewittchens Stiefmutter fragte schliesslich auch ihren Spiegel, ob sie die Schönste im Land sei. Da kann ich meinen Spiegel wohl fragen, ob die Idee für einen Blog etwas taugt oder nicht. Ob ich die Schönste im Land bin, frage ich nicht mehr – das gibt nur Ärger, Blut und Scherben.“

Enten-Aufstand

Item, ich erzähle von meinem Elefanten-Blog. Empörtes Geschnatter und Flügelschlagen bricht über mich herein. Erschreckt halte ich mir die Ohren zu. Der Spiegel beschlägt und wird blind. Schliesslich verschafft sich Wally, die grösste der Quietsche-Enten, Gehör und trötet: „Du willst über Elefanten schreiben? Was ist mit uns? Nur weil du in grauer Vorzeit Elefanten gesammelt hast und diese immer noch auf Bücherregalen herum lümmeln. Diese Rüsseltiere haben nichts für dich getan.“

„Das ist ein Affront gegen mein gesamtes Enten-Reich“ kommt’s indigniert von Königin von und zu Entenbaden, „Das wird Konsequenzen haben!“ Die Krone wackelt gefährlich auf ihrem königlichen Enten-Haupt.

Die hellblaue Tamina derer von Bad Ragaz beschwichtigt: „Wir sind tief enttäuscht, das musst du verstehen. Wir sind jeden Morgen für dich da. Heitern dich mit unserem fröhlichen Geschnatter auf, egal wie schlecht du drauf bist. Auf uns ist Verlass. Wir kümmern uns um deine Gesundheit. Wenn du deine Morgengymnastik nicht absolviert hast, dann …

„Ihr wisst, wenn ich meine Morgengymnastik schwänze?“ frage ich mit grossen, verschreckten Augen.

„Ja sicher,“ fällt ihr Surf-Dave ins Wort. „Wir merken sofort, wenn du Yogamatte und Therabänder links liegen lässt. Wie ein Sack Kartoffeln kommst du ins Badezimmer geschlurft, ganz ohne Elan.“
„Wir dachten, Bürsten-Ente La Brosse aus der Küche flüstert dir das zu, denn sie hat die Yogamatte im Blick“, piepsen Tick, Trick und Track vorlaut.
„Ähm, ja, das tut hier nichts zur Sache.“ räuspert sich Surf-Dave. „Sache ist, dass wir ein ausgeklügeltes Fitness-Programm für dich zusammengestellt haben.“

Enten-Gymnastik

„Wenn du in die Wanne steigst und es dir so richtig gemütlich machen willst, tritt unsere kleinste Ente Stöpsel, die auf dem Abfluss-Stöpsel hockt, in Aktion. Sie ruckelt am Stöpsel, bis er herausfällt und das Wasser abläuft. Dir wird kalt und du suchst nach dem Grund für den schwindenden Pegelstand. Beugst dich vor und zurück, vor und zurück und zur Seite. Einmal nach rechts und dann nach links. Immer schön dehnen. Ja so ist’s gut. Schliesslich lässt sich Stöpsel einfangen, du propfst den Abfluss zu und Punkt zwei des Fitness-Programms kann starten.
Wassertreten. Tick, Trick und Track springen hinterrücks in die Wanne und spielen mit dir Fangen. Du trittst kräftig Wasser und platschst mit den Armen. So absolvierst du deine Kneipp-Kur.“
„Das ist ein Heidenspass“, kichern Tick, Trick und Track.
„Und es regt deine Blutzirkulation an“ fügt Surf-Dave hinzu.

„Nachdem du den Fluten entstiegen und das halbe Badezimmer unter Wasser gesetzt hast, kommt mein Auftritt“ verkündet Blauline und wirft sich theatralisch die Federboa um den Hals. „Nein, ist gar nicht wahr!“, keift Shopping Queenie, „dann bin ich an der Reihe. Immer musst du dich vordrängeln! Nur weil du einmal eine Minirolle in einer Soap ergattert hast, musst du dich hier nicht so aufspielen. Ich …“
„Aber, aber meine Damen“, schlichtet Künstler-Ente Pablo galant, „Ihre Raffinesse Blauline und Ihre Finesse Shopping Queenie sind der krönende Abschluss.“

„Zuerst wird unser oranger Freund Mandarin-Duck den Salto Mortale vorführen. Er springt mit einem dreifachen Salto von der Fensterbank und rollt gekonnt unter den Badezimmerschrank.“
„Genau“, fährt Surf-Dave dazwischen, der seine Felle als Personal Trainer davonschwimmen sieht.
An mich gerichtet, instruiert er: „Du legst dich hin, machst Liegestütze und …
„LIEGESTÜTZE?!!!“, fauche ich Surf-Dave an, so dass seine kecke Haartolle zu Berge steht. „Ich werde dir gleich Liegestütze geben. Pass auf, dass ich dir deine Schwanzfedern nicht einzeln ausrupfe! Das geht ganz ohne Training!“
„Okay, okay“, beschwichtigt Dave „Du kniest dich hin, streckst den rechten Arm und das linke Bein aus. Jawoll, so ist gut. Nun tastest du nach Mandarin-Duck – und immer schön die Bauchmuskeln anspannen – und ziehst unseren Mandarin-Duck unter dem Badezimmerschrank hervor. … nein das ist ein Dosendeckel! Und das ein Watte-Pompon.“ Surf-Dave verdreht genervt die Augen.
Ich japse und kämpfe mit dem Gleichgewicht.
Surf-Dave dirigiert: „Wechsle zu linkem Arm und rechtem Bein. Nicht nachlassen … das kann doch nicht so schwer sein!“
Schliesslich halte ich stolz Mandarin-Duck hoch.
„Endlich, du hast ihn gefunden! Nun steh langsam auf, indem du Wirbel für Wirbel aufrollst, wie wenn sie an einer Perlenkette aufgereiht wären.“
„Bravo, sehr gut, hast du das gemacht Mandarin-Duck“, lobt Surf-Dave seinen kleinen, orangen Kollegen. Die Entenschar applaudiert.
Ich gucke beleidigt. Schliesslich habe ich mir fast den Arm ausgekugelt, um das Mandarinli wieder ans Tageslicht zu befördern. Ich hoffe, dass ich mit der Enten-Gymnastik durch bin und meine Personal Enten-Trainer endlich den Schnabel halten.

Mein Badezimmerspiegel scheint sich köstlich zu amüsieren. Ihm laufen vor Lachen Tränen über das beschlagene Glas. Das muss ich nun nicht auch noch haben und öffne den Spiegelschrank. Huch, wo sind denn meine ganzen Kosmetika hin? Die stehen alle auf dem obersten Regal! Da komm ich nicht hin. Genervt, wende ich mich an die Entenschar: „Was soll das!?!“

Blauline wirft sich in Pose und kräht: „War meine Idee. Das ist absolut genial.“
„Ja, und wir mussten die schweren Töpfe und Tiegel nach oben wuchten“, beklagt sich Tigerente.
„Papperlapapp,“ wischt Blauline den Einwurf beiseite. „Der Zweck heiligt die Mittel. „Zu mir gewandt: „Emma, gleichzeitig mit der Gesichtspflege wirst du deine Waden formen, weil du dich auf die Zehenspitzen stellen musst, um die Dinge des täglichen Bedarfs zu erreichen.“
Mann, wie praktisch ist das denn, denke ich und schon purzelt die Mascara ins Lavabo und hinterlässt eine schwarze Schliere. Den Tiegel mit der Gesichtscreme kann ich gerade noch auffangen.
Blauline beobachtet das Malheur und meint: „Ja, an deiner Feinmotorik müssen wir auch noch arbeiten … doch zurück zu deinen Waden. Auf die Zehenspitzen und absenken, Zehenspitzen und absenken. Das ist das beste Mittel, um sexy Beine zu bekommen. Schau meine an,“ und damit lüpft sie ihr Federkleid. Ich beäuge skeptisch ihre gelben Steckenbeine inklusive Gänse- bzw. Entenhaut. Ob ich so was haben will?

Ich komme nicht dazu, mir weitere Gedanken über Entenschenkel zu machen, denn Shopping Queenie kommt angerauscht, packt mich am Schlawittchen und zerrt mich aus dem Badezimmer. „Genug schweisstreibender Blödsinn. Ich zeige dir eine effektivere Fitness. Wir zwei Hübschen gehen auf einen Shopping-Marathon. Dafür brauchst du nichts ausser deine Kreditkarte.“
Und weg sind wir!


Nachtrag

Ich habe nie Enten gesammelt und schon länger keine Elefanten aus fremden Ländern mitgebracht. Es ist seltsam, sobald man mehr als einen Gegenstand der selben Art sein eigen nennt, verbreitet sich das Gerücht, dass man dies oder jenes sammle. Kein Geburtstag, Weihnachten, Ostern oder sonst eine Festivität ohne dass so ein Entchen seinen vorwitzigen Schnabel oder ein Elefant seinen Rüssel aus dem Geschenkpapier streckt.


Ich beteilige mich am Projekt Zimmerreisen ins Leben gerufen von puzzleblume.
Die Idee ist einfach und bestechend: Ich bewege mich in meiner gewohnten Umgebung und betrachte sie mit geschärftem Blick, so dass ich altbekannte Gegenstände neu entdecke.


Fotos von Emma Engel

9 Gedanken zu “Zimmerreise – Elefanten oder Enten

  1. Eine Passiv- oder Leideform zum Sammeln gibt es unerklärlicher Weise nicht, obwohl genau das Phänomen so häufig ist, dass nur ein unschuldiges Entchen in der Wohnung, ein Spielzeugauto oder ein Glastierchenherumstehen, und schon beginnt der Bekanntenkreis bei jedem Anlass eine Sammlung anzulegen. Man wird besammelt, sozusagen. Aber versuch das mal, einen Geldschein hinzulegen und auf denselben Effekt zu hoffen!

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    • Danke für den Tipp. Ich werd das trotzdem mal versuchen – einen Geldschein hinlegen 🤔 auf die Idee bin ich bis jetzt noch nicht gekommen. 😄
      Ich muss aber auch zugeben, dass ich einige Entchen selbst eingeschleppt habe. Sie können sehr penetrant sein – was ich in meinem Blog ausführlich beschrieben habe. Das fängt schon damit an, dass sie mir in Hotelzimmer hinterrücks in den Koffer gekrabbelt sind. Zuhause hatte ich natürlich nicht das Herz, sie wieder auszuwildern … und wenn sich das herumspricht bzw. -quakt 🙄

      Gefällt 2 Personen

  2. Das ist ja eine ganze Entenparade 😁 Aber bezaubernd sind sie schon. Wahrscheinlich könnte ich ihnen auch nicht widerstehen, wenn sie unauffällig irgendwo in meinen Koffer krabbeln würden 🤭 Aber wenn sie hinterher mein Fitnessprogramm bestimmen wollten, dann fände ich sie bestimmt nicht mehr ganz so bezaubernd 🤔 Doch dieses Besammelt-Werden kenne ich auch. Hier sind es Katzen ohne Ende, Schafe und Eulen. Allerdings zwinkert mich hier und da auch immer mal wieder ein Exemplar an, dem ich dann selbst nicht widerstehen kann. Und so vergrößert sich die Crew unaufhaltsam 🤭
    Liebe Grüße in Dein von Enten gesteuertes Fitnessstudio schickt Dir die Silberdistel

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    • Ja meine Personal Enten Trainer gehen mir manchmal auf den Keks. Sie pisaken meinen inneren Schweinehund ganz schön und bringen ihn auf Trab. Alleine würde ich das nicht schaffen. Und so lange die Fitness-Studios geschlossen sind, sollte ich mich nicht beklagen.
      Du hast ja eine ganze Menagerie zuhause neben den echten Stubentigern! Wir sind entwicklungsgeschichtlich Sammlerinnen und Jägerinnen, das lässt sich nicht verleugnen. Frau soll nicht gegen die eigene Natur leben – ist ungesund.
      Herzliche Grüsse
      eine von Muskelkater geplagte Emma 😥

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