Zimmerreise mit B

Lockdown – alle sitzen daheim. Reisen liegen nicht drin. Wir verkriechen uns zuhause und stecken kaum die Nase aus dem Haus. Wie öd, worüber schreibe ich nun?

Zum Glück bin ich über den Blog von Puzzleblume gestolpert, die das Projekt Zimmerreise ins Leben gerufen hat. Die Idee der Zimmerreise ist einfach: In jeder noch so kleinen Wohnung befinden sich Gegenstände, die Geschichten erzählen können. Damit die Auswahl leichter fällt, soll der Gegenstand der Zimmerreise 01/2021 mit A, B oder C anfangen, vgl. Notiz unten.

Ich habe mich auf eine Reise durch die Wohnung auf der Suche nach einem lohnenden Objekt gemacht, um schliesslich frustriert wieder vor meinem Laptop zu landen. Und da lag’s das Geschichten erzählende Objekt genau vor meiner Nase, unscheinbar, aber nützlich – eine Büroklammer!

Die magische Büroklammer-Dose

Ich sitze im Schneidersitz unter dem Sitzungstisch im Büro und bin vertieft in mein Tun. Mit einem Finger angle ich eine Büroklammer aus dem Loch im Dosendeckel. Vorsichtig ziehe ich sie aus der Dose und durch wunderbare Magie hängt eine weitere Büroklammer an der ersten. Konzentriert ziehe ich weiter und tatsächlich reiht sich eine dritte, vierte und fünfte Büroklammer an. Für mich Dreikäsehoch, die keine Ahnung von Magneten hat, pure Zauberei. Ich erschaffe einen Kette, die durch Magie zusammengehalten wird. Stühlerücken stört meine Konzentration. Die Kette fällt auseinander.

Während ich mein Zauberkunststück geübt habe, haben zwei Männer das Büro betreten. Vier Hosenbeine setzen sich an den Tisch und schieben ihre grossen Füsse in mein Zauberreich. Die schweren, staubigen Arbeitsschuhe gehören meinem Grossvater, die auf Hochglanz polierten Halbschuhe kenne ich nicht. Ich höre, wie mein Grossvater sich beim Fremden für die letzte Lieferung bedankt. Papier raschelt. Soll ich aus meinem Versteck auftauchen und damit verraten, dass ich wieder einmal das Büro als Spielplatz benutze? Nein. Leise rutsche ich unter dem Sitzungstisch aus der Reichweite der Füsse und versuche weiter eine möglichst lange Kette Büroklammern aus der magischen Dose zu ziehen. Derweil verhandelt über meinem Kopf der Grossvater über die Lieferung von Holz und feilscht mit dem Holzhändler um den Preis. Schliesslich werden sich die Zwei einig. Erneutes Stühlerücken schreckt mich auf. Ich mache mich ganz klein und bleibe stocksteif sitzen. Die schweren Arbeitsschuhe begleiten die feinen Halbschuhe zur Tür.

Wurde aber auch langsam Zeit! Das Ketten-Ziehen aus der magischen Dose ist langweilig geworden und so lange still sitzen ist auch nicht mein Ding. Mein linker Fuss ist eingeschlafen und kribbelt, als ich unter dem Tisch hervorkrieche. Ich klettere mit der Wunderdose auf Grossvaters Stuhl, schiebe die Unterlagen achtlos beiseite und leere die Büroklammern mit grossen Schwung auf den Tisch. Mit den silbernen Büroklammern kann ich nämlich nicht nur magische Ketten schmieden, ich kann auch wunderbare Muster auslegen. Viele Klammern sind in der magischen Dose und ich brauche Platz. Schwups, fliegen die Verträge zu Boden.

Büroklammer-Kreise

Zwanzig Jahre später sitze ich in einer Anwaltskanzlei, nun ordentlich am und nicht unter dem Tisch, den Telefonhörer zwischen Ohr und Schultern eingeklemmt und lausche einer Mandantin, die sich wortgewaltig über ihren Noch-Ehemann und seine vielen Missetaten auslässt. Ich schiele auf die Uhr. Mannomann, seit einer Viertel Stunde geht das nun schon so und kein Ende in Sicht. Keine Chance dazwischen zu kommen. Sie redet ohne Punkt und Komma. Ich habe schon lange aufgehört, Notizen zu machen.

Mein Blick fällt auf das Konfitürenglas, in dem ich die Büroklammern aufbewahre. Zuerst liegen nur fünf, sechs Klammern im Kreis vor mir. Dann leere ich das Glas aus und sortiere die Klammern nach Grösse. Schliesslich lege ich Klammer um Klammer an den ersten Kreis. Das Gebilde hat sich zu einem ansehnlichen Oktagon gemausert, als der Mandantin endlich der Atem ausgeht, sie sich versichert, dass ich dem Herrn Doktor alles Wort für Wort ausrichten werde und auflegt. Kurz darauf kommt der Herr Doktor in mein Büro, sieht mein Kunstwerk und meint grinsend: „Oh, hat Frau Müllermeier-von Wasserfall angerufen? Schade, dass ich in einer Besprechung war.“ Wer’s glaubt!
Zu Weihnachten habe ich vom Herrn Doktor eine massive Büroklammer, die gut 30 Zentimeter lang war, geschenkt bekommen „Für ganz schwere Fälle.“

Büroklammer-Mandala

Zwanzig Jahre später stehe ich am höhenverstellbaren Pult, nun nicht mehr den Telefonhörer zwischen Ohr und Schultern eingeklemmt, weil mein Physiotherapeut dringend davon abgeraten hat, sondern mit einem Headset. Ich hänge in der Warteschleife einer Hotline und lausche der dudelnden Musik, die in regelmässigen Abständen von einer Stimme unterbrochen wird, die sich für meine Geduld bedankt und mir mitteilt, dass ich auf Position 16 in der Warteschleife sei.“

Ich bin aber alles andere als geduldig und zapple nervös herum! Mein Blick fällt auf die Glasschale, in der ich Büroklammern aufbewahre. Ich greife mir eine Handvoll und fange an zu legen. Mandalas legen beruhigt. Es soll sogar meditativ wirken. Hoffen wir, dass ich nicht so weit entrückt werde, dass ich nicht mehr weiss, was ich will, wenn ich endlich an die Reihe komme.

Zu meiner Ehrenrettung sei erwähnt, dass ich während der Arbeit nicht nur Mandalas lege, sondern Büroklammern für ihren eigentlichen Zweck verwende. Auf meinem Pult steht immer ein gut gefülltes Gefäss mit Büroklammern. Doch deren Tage sind gezählt, denn aufgrund der Digitalisierung gibt’s immer weniger zum heften.

Vielleicht starten die Klammern eine zweite Karriere als Entspannungs-Set für Office und Home Office?


Geschichte der Büroklammer

„Der Ursprung der Erfindung der Büroklammer ist unklar. Büroklammern wurden seit etwa 1890 von The Gem Manufacturing Company in England industriell gefertigt. 

William Middlebrook aus Waterbury, Connecticut wurde 1899 ein Patent für die industrielle Fertigung von Büroklammern erteilt. Zunächst dienten die Büroklammern zum Befestigen von Preisschildern an Textilien, dann für das Zusammenhalten loser Zeitungsseiten.

Am 12. November 1899 beantragte der Norweger Johan Vaaler aus Kristiania (Oslo) ein deutsches Patent auf einen Vorläufer der heutigen Büroklammer, das er allerdings nicht vermarktete. Diese Büroklammer hatte noch nicht die heute übliche innere Windung und war deutlich runder. 

Im Jahr 1919 entwarf der österreichische Fabrikbesitzer Heinrich Sachs die heutige optimierte Form mit spitzem Ende.“

(Quelle: Wikipedia, Zugriff 30.01.2021)


Fotos von Emma Engel

20 Gedanken zu “Zimmerreise – Büroklammern

  1. Büroklammern als Lebensbegleiter! Wahrscheinlich trifft das auf uns alle zu, aber niemand hat es bisher so großartig beschrieben wie du in deiner Zimmerreisegeschichte. Die kontinuierlich sich ändernde Bedeutung von Objekten in unserer Umgebung gehört zum Leben, du hast das gekonnt eingefangen! 😀

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  2. Das ist wunderschön, wie du die Chronik deiner persönlichen Lebensbegleitung durch Büroklammern beschrieben hast und auch noch mit etwas Info versehen – genau so liebe ich das.
    Das Spielen mit den zarten Kupferdraht-Büroklammern vom Schreibtisch des Vaters habe ich auch noch gut in Erinnerung. Die wurden über Jahre gesammelt, behütet, wieder verwendet. Und was man alles damit anfangen kann, wenn man sie zweckentfremdet, könnte auch noch Geschichten ergeben.
    Sehr schön. Vielen Dank, und gerne mehr!

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    • Herzlichen Dank 😊
      Ich hatte schon gedacht, ich sei etwas verschroben und die Einzige, die mit Büroklammern spielt – und das auch noch bis ins hohe Alter 🤭 Aber anscheinend gibt’s noch andere, die dem Zauber von Büroklammern erlegen sind.
      Ich find’s wirklich toll, das du das Projekt Zimmerreisen gestartet hast und werde den einen oder anderen Text liefern. Meine Wohnung ist ja nicht gerade spartanisch leer …
      Danke für die Mühe, die du dir machst.
      Emma Engel

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  3. Na, dann kann ich mich ja einreihen in die Reihe der Büroklammern-Begeisterten 😄 Büroklammern sind ja regelrechte Allrounder. Sie eigenen sich nicht nur schlicht und einfach fürs Büro. Du hast es toll beschrieben, wie sehr sie Dich bereits als Kind fasziniert haben. Wenn ich bedenke, wozu ich sie schon alles verwendet habe. Sie haben mir so manches Mal im Leben aus der Patsche geholfen. Ich habe heute immer noch als kleine Rettungsbote einige Büroklammern in meinem Portemonnaie. Sie waren Rettungsanker für abgerissene Knöpfe, hielten Kaffee- oder sonstige Tüten zu, hielten Reißverschlüsse, die nicht oben bleiben wollten, fest, erweckten verklebte Salzstreuer zu neuem Leben und vieles mehr. Kurzum: Ich liebe diese kleinen Dinger. Auch so mancher meiner Kollegen musste schon unter meiner Büroklammernliebe leiden, wenn ich ihm eine lange Kette ineinander hängender Klammern in seine Federschale packte 😉 Ich glaube ich war mit meinem Büroklammernfanatismus der Schrecken in jedem Büro 🤭Natürlich habe ich immer noch eine große Dose bunter Büroklammern auf meinem Schreibtisch stehen. Ohne sie kann ich nicht sein 😄
    Danke auch für die kleine Bildungsreise in puncto Büroklammer!
    Einen lieben Gruß von der Silberdistel

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  4. Danke einmal mehr für Deine Kreativität, die immer mal wieder etwas Licht in den düsteren Alltag bringt 😅
    Ich habe bezüglich Büroklammern vor allem ein Entsorgungsproblem. Sie gehören zu diesen Objekten des Alltag, die überall schon irgendwie da sind und sich gleichzeitig exponentiell zu vermehren scheinen. Beim Räumen von Zimmern und Büros meiner alten Mitbrüdern finde ich überall eine vorsorglich gut gefüllte Büroklammerdose, die aber nie die Kapazität aufweist, all die anderen Büroklammern aufzunehmen, die bei der Entsorgung von Unmengen an Papier anfallen, von Rechnungen, Vorträgen, Predigten und was noch alles auf Papier gespeichert wurde. Und da man diese kleinen Eisendinger einfach hat und vielleicht sogar, wenn auch meist nur theoretisch, irgendwann sicher noch einmal brauchen könnte – zumindest gelegentlich eines davon, vielleicht auch mal zwei – scheint sich auch nie jemand Gedanken über deren fachgerechte Entsorgung gemacht zu haben. Wenn Du also einen Tipp hast, was man mit eine paar Kilo Büroklammern machen könnte… und das nächste Problem wären dann diese Unmengen an leeren Plastikeinlegemäppli 😅😂

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    • Ich bin froh, dass ich in deinen „düsteren Alltag“ einen Lichtstrahl schicken konnte. Ich danke derzeit jeden Abend der Decke, dass sie mir nicht auf den Kopf gefallen ist.
      Aber nun zu deinem Problem „BüroklamMania“: Ich finde, Entsorgung ist der falsche Ansatz, Upcycling ist das Zauberwort und damit lägest du voll im Trend! 🤓 Es gibt doch Leute, die bauen berühmte Gebäude aus Zündhölzli. Wie wär’s mit dem Eiffelturm aus Büroklammern? Oder dem Petersdom? Stell dir vor „Suisse Miniature“ aus Büroklammern! Besucherströme würden nach Genf pilgern. Bis du das gebaut hast, darf man sicher wieder reisen. 😂
      Und für die Klarsichthüllen (das ist der terminus technicus 🤓) habe ich auch einen Tipp: Staple sie möglichst unordentlich aufeinander, ja nicht nach Farben sortiert! Platziere den Stapel gut ersichtlich an einem Ort mit Publikumsverkehr. Vielleicht musst du als Schutz eine Abschrankung drum herum aufstellen. Ich habe in Museen schon erlebt, das Kunstbanausen einfach über ein Werk drüber gestiegen sind. Das geht gar nicht!!! Gaaaaanz wichtig. Schreibe dein Kunstwerk – denn das ist es – mit einem hoch professionell gestalteten Schild an, worauf z.B. stehen:

      Titel: Feuerstelle 2, 2021
      Künstler: Beat Altenbach
      Material: recycelter Plastik, zum Teil mit Schlieren von Schoggistängeli und Kuli sowie einigen Brösmeli Znüniweggli
      Preis: CHF XXXXXXX

      Ich zähle darauf, dass ich zur Vernissage eingeladen werde. 😁
      Grüsse aus dem ein bisschen sonnigen Basel – Emma

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      • Danke für Deine spannenden Anregungen. Glücklicherweise habe ich mich dem Entsorgungsproblem dadurch entzogen, dass ich von Basel nach Genf umgezogen bin. Aber früher oder später gibt es sicher auch hier einiges zu Räumen… Ich geb Dir Bescheid, wenn etwas daraus wird! 🙂

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    • Herzlichen Dank für dein Kompliment. Ich hätte nicht gedacht, dass so ein alltäglicher Gegenstand wie eine Büroklammer ein solches -Echo auslöst. 😃 Aber vielleicht passiert das, weil jeder Berührungspunkte zu diesem Stückchen gebogenen Metall hat. Auf alle Fälle freue ich mich, dass die Geschichte gefällt.

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      • Du hast in deiner Geschichte ja auch viel damit verbunden. Aber als Alltagsgegenstand ist er tatsächlich vertraut und viele haben damit schon mal rumgespielt, nur wenige so ausgiebig wie du 🙂

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