Hitze

Meine Terrasse liegt gegen Südosten, das heisst Sonne satt den ganzen Tag. Toll – ausser in einem Hitzesommer. Die Spiegeleier für das Frühstück könnte ich direkt auf dem Granittisch braten. Zum gemütlich frühstücken, ist’s schon morgens zu heiss. Die Blumen lechzen nach Wasser und ich absolviere mein Krafttraining, indem ich Giesskanne um Giesskanne schleppe. Das geht in Arme und Beine. Zum Schluss hänge ich schlaff in den Seilen und lechze nach Wasser.

Ein Schlauch muss her!

Vor ein paar Jahren sagte ich mir, so geht das nicht weiter. Ein Schlauch muss her! Natürlich gibt’s auf meiner Terrasse keinen Wasseranschluss. Doch der findige Sanitärinstallateur montierte einen zusätzlichen Anschluss für den Schlauch an die Armatur der Badewanne. Ein sehr kluger und vorausschauender Handwerker – wie sich bald herausstellte.

Die tägliche Inbetriebnahme des Schlauchs ist aufwändig: Zuerst wickle ich das hintere Teil des Gartenschlauchs von der Halterung, ziehe es bis zum Terrassengeländer und lege es darüber. Ein Restschwall Wasser ergiesst sich auf den Sitzplatz im Erdgeschoss. Pech wenn der Wäscheständer darunter steht.

Dann hieve ich den Rest des Schlauchs aus der Halterung und lasse ihn zu Boden gleiten. Aus dem grellen Sonnenlicht des Balkons tauche ich in die Wohnung, durchquere Esszimmer und Küche, um auf die verglaste Laube zu gelangen. Dort öffne ich ein Fenster, angle – auf Zehenspitzen stehend – nach dem Schlauchende und zerre daran, bis das widerspenstige Teil ins Badezimmer reicht. Ich schraube das Gewinde an der Badewannen-Armatur fest, hole ich tief Atem und konzentriere mich. Jetzt muss alles schnell gehen.

Schlauchtanz

„Wasser marsch!“ Ich öffne den Wasserhahn.

Der Schlauch erwacht zum Leben. Wasser pulsiert durch seinen Leib. Er entwickelt ein Eigenleben und verwandelt sich in eine giftgrüne „Schlange“. Höchste Zeit, dass ich ans andere Ende gelange! Ich renne aus dem Badezimmer, durch Laube, Küche und Esszimmer.

Von dort sehe ich schon, wie sich der „Schlangen-Schlauch“ windet, dreht und sich schliesslich aufrichtet wie eine Kobra. Eine Fontäne Wasser spritzt aus seinem Maul. Verflixt, ich war zu langsam.

Der „Schlangen-Schlauch“ bemerkt mich und richtet wütend seinen Kopf auf die offene Balkontür. „Oh nein! Kommt nicht in Frage. Du setzt das Parkett nicht unter Wasser!“ Ich hechte durch die Balkontür und schlage sie hinter mir zu. Geschafft!

Nun liegt der „Schlangen-Schlauch“ lauernd am Boden. Ich schleiche mich vorsichtig an, trete mit einem Fuss auf ihn und will seinen Kopf packen. Blitzschnell windet er sich. Ich stehe in einer Lache. Meine Hosenbeine sind bis zu den Knien nass. Ich habe das Wasser zu stark aufgedreht. Der „Schlangen-Schlauch“ steht unter Druck und schwänzelt nervös hin und her. Ich habe keine Lust mit meinen nassen Füssen durch die Wohnung zu platschen, um das Wasser zu regeln. Schliesslich gelingt es mir, ihn am „Kopf“ zu packen und unter Kontrolle zu bringen. Die Kontrolle gelingt nicht vollständig. Ein Strahl prasselt auf das frisch polierte Cabrio des Nachbarn. Ein verärgerter Ausruf dringt vom 2. Stock des Nachbarhauses herüber – ich habe Publikum.

Der Terrassenboden, ein Teil der Fassade, meine Beine und Nachbars Auto sind nass. Einzig die Erde in den Blumentöpfen ist noch knochentrocken. Endlich kann ich dort wässern, wo’s dringend nötig ist. Fleissig giesse ich meine Blumen und ziehe am gebändigten „Schlangen-Schlauch“, um auch die hinterste Ecke zu erreichen.

Plötzlich ein Ruck. Nichts geht mehr. Das Wasser ist versiegt. Was ist nun wieder los? Ist der „Schlangen-Schlauch“ beleidigt, weil er nicht mehr nach seinem Willen in der Gegend herumspritzen kann?

Von Nachbars Balkon grunzt es schadenfreudig. „Nein, mein lieber Herr Cabriofahrer, ich bin zwar blond aber nicht doof. Ich gucke nicht in die Mündung des Schlauchs, um zu sehen wo das Wasser bleibt. Ich werde nicht von einem Wasserschwall geduscht als Miss Wet T-Shirt dastehen. Stop dreaming!“, rufe ich in Gedanken zum erwartungsfrohen Nachbarn hoch.

„Gut, ich bin nicht doof, aber vielleicht ein kleines bisschen ungeschickt“, denke ich, als ich den Grund für das versiegte Wasser sehe. Im Schlauchgewirr erkenne ich einen Knoten! Ich meine förmlich zu sehen, wie sich das Wasser staut und sich der Bauch des „Schlangen-Schlauchs“ aufbläht. Verflucht. Hoffentlich hält der Anschluss im Badezimmer.

Hastig mache ich mich daran, das Durcheinander zu entwirren. Ich ziehe an diesem Teil des Schlauchs, fädle das Ventil durch jene Schlaufe. Ich ziehe, bis ich das Gleichgewicht verliere, weil sich eine weitere Schlaufe um meine Beine gelegt hat. Stolpernd drehe ich mich um meine eigene Achse mit dem Resultat, dass ich nun bis zu den Oberschenkeln einwickelt bin. Ich glaub, das giftgrüne Ding hat wirklich ein Eigenleben. So muss sich die Beute einer Boa fühlen.

In der Zwischenzeit haben sich zwei weitere Balkone des Hauses gegenüber bevölkert. Zigarette in der Hand beobachten die Nachbarn das Schauspiel. Wenn das so weitergeht, kann ich für meinen allabendlichen Schlauchtanz Eintritt verlangen.

Schliesslich gelingt es mir, das Schlauchgewirr zu lösen. Mit einem Plopp schiesst das gestaute Wasser in einem Riesenbogen heraus – weit über meine Terrasse hinaus. Von der Strasse höre ich Kreischen und dann Lachen. Drei erfrischte Velofahrer radeln an unserem Haus vorbei. 😄

Miss Wet T-Shirt

Nach getaner Arbeit muss ich den widerborstigen Schlauch wieder verräumen. Ich kann ihn schliesslich nicht quer durch die Wohnung liegen lassen.

Ich drehe das Ventil zu, so dass sich der „Schlangen-Schlauch“ nicht wieder in eine wasserspeiende Kobra verwandeln kann. Dann öffne ich die Balkontür und watschle via Esszimmer, Küche und Laube ins Badezimmer. Nasse Fussabdrücke zieren den Fussboden. Im Badezimmer drehe ich den Hahn zu und löse das Gewinde.

Pffffschschschschsch schiesst das angestaute Wasser aus dem Schlauch!!! Tropfnass stehe ich als Miss Wet T-Shirt in meinem Bad und blicke verdattert auf das Schlauchende, woraus immer noch lustig das Wasser in die Badewanne plätschert.

Unser Sanitärinstallateur ist ein kluger und vorausschauender Handwerker. 😄

3 Gedanken zu “Schlauchtanz

  1. Alltag ist fesselnd. Habe ich eben wieder gestern in Nachbars Garten bewiesen. 😂 Ich giesse während deren Ferien den Garten. Ich habe es tatsächlich geschafft, mich vom eigenwilligem Schlauch einwickeln zu lassen. 🙄
    … trotzdem, Danke fürs Kompliment 😀

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